Das Kai Gym im Gym-Porträt

Alina FerrufinoAlina19. Juli 2019

Dieses Mal stellen wir euch das Kai Gym im 20. Wiener Bezirk vor. Gegründet wurde das Gym 2017 von vier aktiven Kampfsportlern und ehemaligen Trainingspartnern: Irene, Bobby, Boris und Georges. Wir trafen drei der Gründer zum Kurzinterview. Georges war zum Zeitpunkt unseres Besuchs gerade auf Urlaub.

Boris, Irene und Bobby (v. l. n. r.)

Kampfsport1.at: Danke, dass ihr euch kurz Zeit genommen habt, um über euer Gym zu reden. Seit wann gibt es diesen Gym schon, wer war der Initiator und gab es einen bestimmten Grund?

Irene: Wir haben im März 2017 eröffnet und eigentlich ist es zufällig passiert. Wir kennen uns schon alle länger und haben uns als Trainer gegenseitig geschätzt. Irgendwann haben sich unsere Wege getrennt und haben uns aus den Augen verloren, unterrichteten aber trotzdem alle in unseren Stilen. Boris und ich viel Selbstverteidigung bzw. Filipino Martial Arts, Bobby und Georges viel Kickboxing, Luta Livre und Krav Maga. Wir trafen uns dann zufällig wieder und stellten fest, dass wir alle Lust hätten etwas eigenständiges auf die Beine zu stellen mit einem Gym, wo wir selber alle unterrichten. So hat sich das dann ergeben,machten uns selbstständig und eröffneten diesen Gym.

Ihr seid auch in Wettkämpfen und Kampfsportveranstaltungen vertreten, habt ihr auch einige Schüler, wo ihr Potential seht?

Bobby: Ja, bei den Mädels sind das Irene, Polina und Janine, natürlich auch andere, aber die sind noch im Aufbau und bereiten sich fleißig vor. Es ist schön zu sehen, dass alle, die bei uns trainieren, top motiviert sind und die Leute, die in den Wettkampfbereich wollen, wirklich brav sind, regelmäßig kommen und sich vorbereiten. Auch von den Burschen, haben wir gute Kämpfer, wie Lukas, Michi, Christian und verschiedene andere gute Jungs. Unser Schwerpunkt ist das Grappling. Drum herum lassen wir die Leute auch Kickboxen K1 kämpfen und MMA, weil MMA alles vereint und das ist dann für die, die schön länger Kampfsport machen und besser im Stand und im Ringen sind.

Irene war jetzt beim letzten ADCC im Budapest ganz cool. In ihrer Gewichtsklasse gab es leider keine Gegnerin, sie hätte eigentlich mit den Beginnern starten müssen vom Gürtel her, haben sie aber dann gleich um zwei Stufen aufsteigen lassen, bei den ganz Fortgeschrittenen. Im Intermediate gab es auch keine, deswegen gleich bei den Advanced. Den ersten Kampf hat sie gegen eine wirklich erfahrene Gegnerin gewonnen, den zweiten Kampf hat sich eigentlich nur durch ein Minuspunkt vom Schiedsrichter verloren. Muss man so hinnehmen, sind dennoch super stolz auf unsere Irene die Herausforderung angenommen zu haben. Wir haben also einige gute Leute. Wir sind zwar auch noch jung, dennoch bin ich streng, denn ich lass die Leute nur kämpfen, wenn ich weiß, dass sie bereit sind um sich nicht unnötig zu verletzten. Ich möchte keine Kämpferinnen nach einer kurzen Zeit schon in den Kampf schicken, damit sie  beim Turnier in eine gefährliche Position kommen. Sie sollen genug Erfahrung im Training davor machen.

Hier wird unter anderem trainiert.
Hier wird unter anderem trainiert.

Kann man sagen, dass du der Cheftrainer bist?

Bobby: Nicht vom ganzen Gym, aber ich kümmere mich um die Wettkämpfer gemeinsam mit Georges. Er hilft mir da sehr gut. Meine Aufgabe ist die Wettkampfvorbereitung, also die ganze Betreuung. Das Training ist das eine, man muss aber auch seine Wettkämpfer mental davor und danach vorbereiten. Man muss schauen, dass sie immer die richtige Leistung bringen. Verlieren tut jeder genauso wie gewinnen. Wichtig ist, dass ein Kämpfer bzw. eine Kämpferin die richtigen Erfahrungen aus einem Wettkampf zieht. Nur weil ich gewinne, heißt es nicht gleich, dass ich die/der beste der Welt bin. Ich muss an mir arbeiten und sehen was gut war und woran ich noch arbeiten kann! Wenn man verliert, dann macht man auch das beste daraus und schaut woran es gelegen hat, um beim nächsten Mal diesen Fehler bestenfalls nicht mehr zu machen.

Kampfsport ist ja doch noch eine Männerdomäne, wie reagieren die meisten auf dich Irene? Noch dazu hast du auch einen Doktortitel der Politikwissenschaften. Akademiker in der Kampfsportszene gibt es ja auch noch nicht so viele.

Irene: Durchwegs positiv. Ich habe bei den Wettkämpfen nur positive Erfahrungen gemacht. Die Leute sind sehr wertschätzend und es ist klar, wenn man sich entscheidet mitzukämpfen, dass das per se schon eine große Leistung ist. Bei Wettkämpfen ist da immer eine tolle, freundschaftliche und kollegiale Atmosphäre, trotzdem man gegeneinander kämpft und natürlich gewinnen will.

Die Medaillen, die das Kai Gym schon gewonnen hat.

Adäquate Gegnerinnen zu finden ist dennoch nicht leicht, oder?

Irene: Insgesamt merkt man natürlich doch, dass sich nicht so viele Frauen zu den Turnieren anmelden. Deswegen kämpfe ich in der Professional Legaue, obwohl ich Beginner bin. Es kann schon öfters passieren, dass die Gewichtsklassen zusammengelegt werden, oder dass man in eine andere Gewichtsklasse verschoben wird, weil sich eben keine andere Frau angemeldet hat. Das ist natürlich sehr schade! Ich weiß, dass viele Frauen Grappling kämpfen und es wäre cool, wenn wir uns alle regelmäßig zu den Turnieren anmelden würden, weil dann haben wir immer Gegnerinnen, um nicht herum geschoben zu werden. Daher ein Aufruf an die Frauen, die “grapplen”, oder MMA kämpfen, dass sie sich auch bitte bei den Turnieren anmelden. Es ist doch besser sich im eigenen Level zu messen, obwohl es eine coole Erfahrung ist außerhalb seiner Gewichtsklasse zu kämpfen und Erfolge zu erzielen.

Woran glaubst du liegt das, dass so wenige Frauen sich zu Turnieren anmelden?

Irene: Ich glaube generell, dass gerade MMA nicht so viele Frauen trainieren. Bei uns gibt es schon einige, dennoch sind es mehr Männer im Training. Der andere Grund, was ich so gehört habe, dass die Frauen sich zu Turnieren anmelden und dann keine Gegnerin finden und dann demotiviert sind, weil quasi eh niemand da ist und da meldet man sich dann gar nicht mehr an. MMA und Graplling bleiben dennoch Sportarten, die vermehrt von Männern gemacht werden – was sich aber in den letzten Jahren mehr ändert.

Bobby: Es wird besser, das was es auch ist, ist, dass MMA, ich will nicht sagen einen schlechten Ruf hat, aber es ist noch ein bisschen so  wie in den 90ern, wo das alles begonnen hat in irgendwelchen komischen Hallen. Man hat noch Vorurteile gegenüber MMA. Das ist aber eigentlich ein professioneller Sport, wenn man es richtig macht in einem guten Club, wo es ums Training geht und nicht ums Verprügeln. Im Turnier ist es auch nicht so. Ich gehe nicht hin um mich zu prügeln, sondern ich gehe hin um mein technisches Wissen und Können mit einem zweiten professionellen Kämpfer zu messen. Europa ist ein bisschen hinter USA und Österreich ist hinter Deutschland von der Entwicklung. Alles um etwa fünf Jahre verspätet und hier herrscht noch die  allgemeine Meinung, dass MMA ein rein brutaler Sport im Käfig ist. Vielleicht sieht es auch brutal aus, wenn man nicht weiß wie viel Technik dahinter steckt. Im Prinzip ist das ein leistungsorientierter Sport mit Regeln und Schiedsrichtern, der eigentlich immer fair ablaufen sollte – egal ob man gewinnt oder verliert.

Erinneringsfotos der Kämpfer bei den Turnieren.
Erinnerungsfotos der Kämpfer bei den Turnieren.

Zurück zu eurem Gym wie kann man sich hier euer Publikum vorstellen? Homogen oder doch durchmischt aus den verschiedensten Schichten?

Irene: Es ist eigentlich doch sehr durchmischt, wir haben Leute aus dem Securitybereich, aber auch Leute, die die verschiedensten Ämter besetzten bzw. Akademiker, bis hin zu Leuten, die eine Lehre gemacht haben. Frauen und Männer, sowohl jüngere und ältere trainieren gemeinsam. Unser älterstes Mitglied ist 60 Jahre ungefähr und der jüngste ist acht.

Also, da wird Zusammenarbeit doch sehr groß geschrieben?

Bobby: Das ist ja das schöne am Kampfsport, wie Irene schon gesagt hat, wir haben aus verschiedenen Schichten Leute, aber im Training sind wir alle gleich, denn wir sind hier um etwas zu lernen und verstehen uns gut, denn Kampfsport bringt die verschiedensten Menschen zusammen, die man draußen vielleicht nicht trifft.

Irene: Ein Grund weshalb die Atmosphäre hier gut ist, ist wahrscheinlich, dass auch sehr viele Frauen bei uns trainieren. Wir haben in allen Stilen sowohl Frauen als auch Männer und oft sogar bei  50%.  Im Krav Maga, oder im Filipino Martial Arts zum Beispiel bis hin zum Cross Fit.

Wir wird es mit euch weitergehen? Wo wird euer Gym vertreten sein?

Bobby: Jetzt haben wir den Jungs und Mädls ein bisschen Pause gegönnt, sie trainieren zwar, aber nicht so intensiv. Nach dem Sommer werden wir dann beim ADCC im Fischamend dabei sein. Ich hoffe, dass dort dann wieder viele Leute antreten werden, nur so ist es auch lustiger, wenn es mehr TeilnehmerInnen gibt. Leider ist die Organisation der Turniere noch ein bisschen chaotisch. Turniere tauchen auf, man erfährt ein paar Monate davor. Es wäre super, wenn es eine Oberorganisation gäbe wie beim Boxen, wo man weiß welche Turniere schon im nächsten Jahr feststehen, damit man sich noch besser vorbereiten kann. Wir schauen aber auch spontan was es für Veranstaltungen gibt, die für unsere Leute passen.

Was bietet ihr noch so an?

Irene: Ab Herbst bieten wir auch Training für Jugendliche an. Das wird eine Mischung sein aus Selbstverteidigung, aber auch schon eine Vorbereitung auf Kampfsport mit Elementen aus dem Boxen, Kickboxen und Grappling, um den SchülerInnen eine Basis zu geben, damit die 14 bis 17 -Jährigen wissen was ihnen Spaß macht. Das Kindertraining  (8 bis 13 Jahre) werden wir weiterführen. Im Erwachsenenalter bieten wir Krav Maga, Kickboxen, Luta Live, Fitness, MMA, Panantukan (der waffenlose Teil der Filipino Martial Arts) und Kali Weapons an.

Ihr bietet auch Seminare an, oder?

Bobby: Ja, wir laden auch externe Trainer an, die auch interessant für unsere Leute sind, um die verschiedensten Aspekte im Training kennen zulernen. Ich konnte meinen brasilianischen Trainer Marcio Barbosa, bei dem ich den Schwarzgurt gemacht habe, hierher bringen, aber auch Daniel D’dane, der Luta Livre nach Deutschland gebracht hat, und schon öfters da war. Wir haben weiterhin vor Experten aus Brasilien aber auch von wo anders herzubringen.

Irene: Frans Stroeven wird kommen und uns sein Stroeven Combat Systems näher bringen, der Stockkampf und Messerkampf unterrichtet. Dessen Stil trainieren wir hier auch und er wird uns im Oktober beehren.

Georges (rechts) mit einem Schüler, der den Gelbgurt in Luta Livre geschafft hat.

Das ist noch etwas Zusätzliches was ihr anbietet?

Irene: Genau, wir bieten Seminare mit anderen Experten an, aber auch unsere eigenen Seminare und Workshops zu spezielleren Themen. Frauenselbstverteidigungskurse bieten wir regelmäßig an, die gut ankommen. Unser Krav Maga Selbstverteidigungssystem profitiert aus den unterschiedlichsten Bereichen, die wir unterrichten. Wir nahmen aus all unseren Erfahrungen aus dem Boxen, Ringkampf, Bodenkampf und aus den Waffenstilen, die wichtigsten Aspekte für die Selbstverteidigung heraus und entwickelten ein recht gutes System, wo es darum geht, wie sich Situationen entwickeln können und wie man entsprechend drauf reagieren muss. Es ist nicht so: eine Situation eine Antwort, die in der Realität oft ganz anders abläuft, sondern wir schauen, dass wir die Erfahrungen, die wir aus den Wettkämpfen und dem Sparring gesammelt haben, die ja doch immer chaotisch und ungeplant ablaufen, einfließen lassen, um den Leuten ein möglichst kurzes und prägnantes System zu vermitteln wie sie sich am besten schützen können.

Ihr selber denkt euch das aus?

Irene: Genau, wir entwickeln ständig weiter. Techniken, wo wir merken, dass das den SchülerInnen hilft, das verstärken wir, oder, wenn wir sehen, dass etwas fehlt, das fügen wir hinzu. Wir sehen keinen Stil, den wir unterrichten, als starres System, das so ist und das immer so bleiben muss. Wenn sich ein Situation nicht als sehr praktikabel erweist, dann wird das ausgetauscht bzw. optimiert. Wir setzten uns regelmäßig zusammen und tauschen unsere Erfahrungen aus und entwickeln die Stile weiter. Gerade in der heutigen Zeit ist das wichtig, weil sich Realitäten, Anforderungen und Situationen ändern und, wenn man da nicht versucht lebendig zu bleiben im Unterricht und ein starres Konzept verfolgt, dann ist das nicht zeitgemäß. Die SchülerInnen merken das dann. In der Theorie mag es zwar schön sein, aber in Wirklichkeit bringt das nicht viel.

Abschließend, warum sollten Leute in euer Gym kommen?

Bobby: Ich glaube die beste Antwort ist, dass sie einfach vorbeikommen sollen um sich selber ein Bild vom Gym zu machen. Das Probetraining ist bei uns kostenlos. Jeder muss für sich selber entscheiden und die Frage für sich selber beantworten.

Irene: Die Antwort ist natürlich auch, weil wir die besten sind [lacht] Ich glaube, aber auch die Erfahrung, die wir vier haben und, die wir austauschen, ist uns ein Anliegen für unsere SchülerInnen. Wenn ein Schüler fragt, warum etwas gemacht wird, werden sie nie von uns hören, weil es einfach so ist. Wir unterrichten nichts, weil es so ist!

Bobby: Das schöne ist zu sehen, wenn man Leute sieht wie sie sich selber weiterentwickeln und das freut uns selber auch – dieses positive Feedback.

Boris: Ich glaube auch, bei uns ist der Einstieg sehr niederschwellig. Es ist nicht so, dass du da die Profis hast, die nicht mit dir sprechen. Dadurch, dass sich das bei uns durchmischt, kommen die Leute her und merken nach ein paar Minuten, dass jeder mit jedem redet und es ist angenehm hier zu sein, auch wenn man noch keine Erfahrung hat. Von daher, wie es Bobby schon gesagt hat, einfach herkommen und das spüren. Man kann das in einer Aussage gar nicht alles hineinbringen, was da gefühlt wird.

Vielen Dank für das Interview!

 

Unten ein Video vom Kai Gym

 

 

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