Erhard Kellner: Karate-Startrainer im Interview

Alina FerrufinoAlina1. Dezember 2017

Österreichs Karate Legende Prof. Erhard Kellner begann sich 1965 für Karate zu interessieren. Es folgte eine jahrelange intensive Beschäftigung mit asiatischen Philosophien und dazupassenden westlichen Psychologien mit mentalen Trainingsformen und Entspannungstechniken. Heute ist der 70-Jährige vom UKC Zen Trai Ryu HAK St. Pölten, einem der erfolgreichsten Karate-Vereine in Niederösterreich bzw. Österreich, nicht mehr wegzudenken. Kampfsport1.at sprach mit ihm über seine Anfangszeiten als junger Karateka, als erfolgreicher Trainer des Karate-Nationalteams und was seine weiteren Ziele sind.

Erhard Kellner
Prof. Erhard Kellner
Zu seiner Person:
  • Erhard Kellner war hauptberuflich 40 Jahre im Lehrerberuf tätig und unterrichtete an der HAK/HAK St. Pölten und an den St. Pöltner Tourismusschulen vorwiegend Bewegung und Sport, aber auch Deutsch, Geschichte, Psychologie u.a.
  • war ursprünglich Trainer für Wasserspringen (= Kunst- und Turmspringen) und internationaler Punkterichter bei dieser Sportart. Betreute das Springer-Nationalteam fast 20 Jahre lang bei Europa- und Weltcups sowie bei Europa- und Weltmeisterschaften sowie bei den Olympischen Spielen in Seoul 1988.
  • Im Zuge der letzten 20 Jahre agierte er als Kampfrichter, Bundestrainer, Nationalcoach und als Vortragender bei Übungsleiter-, Instruktoren- und Trainerausbildungen an den österreichischen Bundessport-Akademien, insbesondere zu den Themen spezielle Trainingslehre, spezielle Bewegungslehre, Methodik, Sportpsychologie.
Kellner-Special:
  • Fast alle Kata-Karateka sind traditionell orientiert und üben sich in einem einzigen Stil (wie zB Shotokan, Goju Ryu, Shito Ryu, Wado Ryu etc.). Ein besonderes Special der Kellner-Methode ist es, sich mit mehreren Karatestilen auseinanderzusetzen, um die Bewegungsmuster und deren Steuerung weiterzuentwickeln – das meint der Begriff Zen Tai Ryu.
Ehrungen:
  • Träger des Goldenen Verdienstzeichens der Republik Österreich
  • Träger des Goldenen Sportehrenzeichens des Landes Niederösterreich
  • Träger des Goldenen Ehrenzeichens des Österr. Turn- und Sportunion
  • Träger des Sportehrenzeichens der Landeshauptstadt St. Pölten
  • Mitglied der World Wide Martial Arts Hall Of Fame (USA)
  • Mitglied der Munich Hall Of Honour

 

Kampfsport1.at: Vielen Dank für Ihre Zeit. Wie sind Sie Trainer geworden? Erzählen Sie uns doch mal von Ihrem Weg dahin? Was haben Sie alles gemacht, um dort hinzukommen?

-Ich habe Sport studiert und mein ganzes Leben dem Sport gewidmet. Mich interessierte weniger der

Prof. Erhard Kellner als Wasserspringer 1972
Prof. Erhard Kellner als Wasserspringer, 1972

reine Erfolg, sondern der Mensch mit seinen Entfaltungsmöglichkeiten. Mich faszinierte damals der „Vater des österreichischen Schispringerwunders“; Prof. Baldur Preiml, dessen Maxime es war, die Persönlichkeit der Sportler zu entwickeln, auf deren Basis sich die Erfolge einstellen. Ich war 21 Jahre lang Wassersprung-Trainer und beendete diesen Teil der Trainerlaufbahn mit einer Olympiateilnahme meines Schützlings Erich Pils in Seoul/Korea 1988. Als Ausgleichssport hatten einige meiner Wasserspringer auch Karate betrieben, und so ergab sich ein nahtloser Übergang in einen anderen Sport. In all den Jahren hatte ich mich mit den Erfahrungen vieler Trainerpersönlichkeiten auseinandergesetzt und viel mit Psychologie und Philosophie beschäftigt, was zur Entwicklung einer eigenen Trainingslehre, insbesondere im Bereich Karate-KATA führte.

Wann hatten Sie Ihre allererste Turnierteilnahme und wann die letzte?

-Meine erste Turnierteilnahme als Trainer hatte ich 1968, die letzte im Nov. 2017

Gibt es Wettkampferfolge, die Ihnen heute noch wichtig sind?

-Beim Wasserspringen war es ein Top Ten Platz (7.) von Erich Pils 1987 bei einem Weltcup-Springenr anvertrauenin Amersfoort/Holland, beim Karate waren es die Jugend-Europamesterschaften 2004 mit Bronze U18 (Eva Thajer) sowie die Jugend-Weltmeisterschaften 2017 in Teneriffa mit Silber U16 (Funda Celo) und Bronze U21 (Kristin Wieninger).

Wettkampf zu Ihrer Zeit und Turniere heute – haben die Veranstaltungen noch viele Gemeinsamkeiten?

-Früher gab es keine Matten und keine Fußschützer, und sowohl Technik als auch Athletik haben sich rasant entwickelt. Früher gab es die reinen Stilisten, heute sieht man bei ein- und demselben Wettkämpfer Kata aus verschiedenen Stilen.

Was zeichnet einen guten Trainer aus?

-Fachkompetenz, soziale Kompetenz und ein Gespür für internationale Entwicklungstendenzen

Sind Sie als Trainer eigentlich auch für Lebenstipps abseits des Rings zuständig?

-Bei Sportler/innen, die dies wollen, sich vertrauensvoll an mich wenden, ist dies der Fall. Es sind aber nicht alle gleich, und der Trainer darf sich nicht aufdrängen.

Wie streng sind Sie zu ihren Schützlingen?

-Es sind gewisse Grundregeln des Verhaltens einzuhalten. Da bin ich konsequent. Aber Ich strebe an, meine Sportler/innen frühzeitig zur Übernahme von Eigenverantwortung zu befähigen. Je selbstständiger ein Sportler ist, umso weniger stellt sich die Frage nach Strenge

Sie haben viele Karatekas kennen gelernt. Gibt es Präferenzen?

-Ich trainiere am liebsten mit jenen „Fleißigen“, deren Trainingseifer ich stoppen muss, weil sie am liebsten ganztägig trainieren würden.

Wie ist das Training organisiert?

-Die Traditionalisten trainieren in Großgruppen, die Wettkämpfer In Kleingruppen.

Was ist das A und O im Karate?

-Für Wettkampf-Karate gilt dasselbe wie für jeden Wettkampfsport: Der Fokus auf die Ziele muss  täglich 24 Stunden bewusst sein.

Welche Erfolge hatten Sie als Trainer im Karate?

→ 60 Staatsmeistertitel und 70 ÖM-Titel in der allgemeinen Klasse
→ 160 Österreichische Jugendmeistertitel
→ 55 Medaillen bei Europa-Cups, 25 Medaillen bei Welt-Cups
→ Bronze bei Jugend-Europameisterschaft 2004 (Eva Pakosta)
→ Bronze bei Jugend-Weltmeisterschaft 2005 (Joan Marie Stadler)
→ Bronze bei Jugend-Weltmeisterschaft 2015 (Patricia Bahledova)
→ Silber bei Jugend-Weltmeisterschaft 2017 (Funda Celo)
→ Bronze bei Junioren-Weltmeisterschaft 2017 (Kristin Wieninger)

Was hat Karate für Sie, was MMA nicht hat?

-Der MMA-Kämpfer muss immer mit Vollgas aufs Ganze gehen, der Karateka trainiert mit einer Philosophie im Background, die verlangt, den Kampf im Ernstfall zu vermeiden und nur im äußersten Fall zu kämpfen. Beides muss einem liegen. Es sind völlig verschiedene Menschentypen, die sich für Karate oder MMA entscheiden.

Können Sie sich an Ihre erste Karate-Prüfung erinnern? Welche war die übelste?

-Die erste Kyu-Prüfung war die Aufregendste. Später weiß man, dass man sie besteht, wenn man seriös vorbereitet ist.

Würden Sie heute in der Rückschau noch einmal dieselbe Berufswahl treffen?

-Eindeutig JA. Mit meinem jetzigen Stand an Trainerkompetenz (= mit einer Reduktion der Fehler) zu beginnen wäre ein Hit.

Was ist Ihr Ziel für die nächsten Jahre?

-Karate ist aufgrund der Beidseitigkeit ein echter Gesundheitssport für Motorik und Kreislauf. Die klassische Grundschule (Kihon) enthält eine große Zahl an Übungen, die man bis ins hohe Alter absolvieren kann. Neben der Weiterentwicklung meiner anvertrauten Sportler/innen im Hochleistungssport mit Ziel WM-Medaillen interessiert mich die Entwicklung einer Karate-Trainingslehre für den Gesundheits- und Breitensport.

Vielen Dank für das interessante Interview!

 


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